Die noch bis zum 10. Juli von der Genussmousse-Crew eingeforderten Sommerlektürepräsentierungsempfehlungen haben zu einem ungeahnten zeitlichen Moment in der Suche geführt, bekanntermaßen bringt die Erkundung der Bücherregale so manches schon lange nicht mehr in Augenschein genommene Exemplar in Sichtweite und die Erfahrung mit sich, dass gelegentliche Entstaubungsmaßnahmen auch nicht das Schlechteste wären
Dann wird sich auch noch „festgelesen“ und dieses kleine Büchlein dort, das war damals weggelegt worden mit dem festen Vorsatz es alsbald zur Nachtlektüre zu genießen. Nun ja, wie das halt so ist
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Und eine kleine Bitte sei noch vorweg gestellt, leider greift Werbung für den Online-Buch-Verkauf in den Blogs langsam um sich, verdient werden können damit allenfalls ein paar Cent, während die schönen kleinen Buchläden, die noch richtig beraten, durch die Online-Einkäufe kaputtgemacht werden. Die abzusehende Folge, dass es dann bald nur noch von manipulierten Bestsellerlisten herstammende Bücher in den großen Ketten zu erwerben gibt, die sich schon jetzt den Wegfall der Buchpreisbindung herbeisehnen, ist so gruselig, dass das echt nicht sein muss. Verantwortung fängt beim Bücherkauf an. So auf geht es |
Satire, hochwertig
Schon mal präsentiert ist es auf jeden Fall wert auch hier vorweg genannt zu werden: Am Rubikon von André Müller sen. – Vorstellung des amüsant geschriebenen fabelhaften satirischen Werkes, der 68er-Roman schlechthin, dann genau HIER
André Müller sen. Am Rubikon – Die schaudervollen Vorkommnisse in der Kommune V
Verlag: VAT, 2008
ISBN 978-3-940884-03-9;
14,90 €
Die Tagebuchsektion I

In Tagebüchern herum zu schnüffeln ist nur bei den Größen der Literaturweltgeschichte – und dies selbstredend nur aus wissenschaftlich Aspekten heraus – statthaft, das Werk will erschlossen, die Merkwürdigkeiten des Alltags verstanden und die Sehnsucht nach Bezugspunkten gestillt werden.
Lewis Trondheim ist zwar (nicht) weltberühmt, aber in Frankreich, dem Land des Comics, eine kleine Berühmtheit. Sein unerschütterlicher Ausstoß an Comicalben ( z. Bsp. Herrn Hases haarsträubende Abenteuer und – Hinweis: unsere Linkliste durchsuchen
) war zwar kurz unterbrochen, weil der Erfolgszuspruch ihn hinwegraffte, aber er gehört zu den Stars seiner Szene und ein bissl revolutioniert hat er sie auch, seine Zeichnungen und überbrodelnden Geschichten haben jene charmanten Anspielungen, die heutige intelligente „Bildgeschichten“ auszeichnen muss.
Approximate Continum Comics war als eine vierteljährlich erscheinende Heftserie in Frankreich konzipiert, die durch den Rhythmus (fertig werden! fertig werden!) die Story gewaltig beförderte; in Deutschland gesammelt im kleinen charmanten Berliner Reprodukt-Verlag erschienen, der den Platzhirsch Carlsen inzwischen im Austoß neuer Comics eigentlich verdrängt hat, also eigentlich schon „groß“ im bundesdeutsch-österreichisch-schweizerischen Vergleich ist.

Die in schwarz-weiß gehaltenen Panele zeigen Trondheims Hader mit sich, seinen Künsterkollegen von der L´Association, einer Zeichnervereinigung (die sich im Buch dokumentiert zusammenfindet), seinen Ehrgeiz und das wiederholte Scheitern der aus sich heraus wachsenden Ungeheuerauseinandersetzungen. Kinder- und Erwachsenenträume, Urlaubsgeschichten und Sammelwut inklusive. Ein persönliches Werk, eine kleine Selbstfindung.
Auszug der ersten Seiten beim Verlag
Lewis Trondheim Approximate Continuum Comics
Verlag: Reprodukt, 1999,
dt. Übersetzung von Christine Raguenet u. Kai-Stefffen Schwarz,
ISBN 3-931377-16-16-4,
20 €
Homosexualität und Islam
Die einen schweigen das Buch, eine für den Buchmarkt aufgearbeitete wissenschaftliche Arbeit, beharrlich tot, die anderen sind begeistert. Es gehört was Literatur zum Thema Homosexualität und Islam betrifft zu der wichtigsten Arbeit der letzten Jahre.
Georg Klauda stößt mit Die Vertreibung aus dem Serail – Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt eine für viele ungeliebte Diskussion an. Das neue Feindbild der aufgeklärten Bevölkerungsteile ist der Islam, namentlich junge MigrantInnen, denen Zuschreibungen gelten, die zur Beweisführung herangezogen werden, dass es so was in Deutschland nicht gäbe.
Die dabei getätigte Projektion, die selbstverständlich außer acht lässt, dass diese Feindlichkeit ein ebenso fester Bestandteil deutscher Jugendkultur ist, sieht die Probleme nur in der Herkunft, und sei die auch noch so fernliegend.

Dem Autor gelingt es die dem Islam zugeschriebene Homosexualitätsfeindlichkeit und die damit einhergehende Legitimation des „Abendlandes“ zu dekonstruieren. Vor allem anhand von historischen Quellen und arabischer Literatur, deren Liebesgedichte immer wieder von gleichgeschlechtlicher Hinwendung zeugen, wird auch unter Bezugnahme zu aktuellen Diskussionen aufgezeigt, dass die Homosexualitätsfeindlichkeit ein Import aus Europa ist (besonders interessant die aufgezeigten Fälle strafrechtlicher Verfolgung aus mehreren Jahrhunderten), „das Resultat einer gewaltsamen Angleichung an die Denkformen ihrer ehemaligen Kolonialherren, die Homosexuelle im Prozess der Modernisierung erstmals identifiziert, benannt und zum Objekt staatlichen Handelns gemacht haben. Homophobie ist eine Erfindung des christlichen Westens, die im Zuge der Globalisierung in die entlegensten Winkel dieser Welt exportiert wird“.

Dass da Welten aufeinander prallen, zeigt amüsant die zitierte Schilderung von offensichtlich besonders aufgeklärten britschen Besatzungssoldaten in Afghanistan, die von händchenhaltenden küssenden Männern entsetzt waren, die sich ihnen näherten.
Die Untersuchung der Einflüsse des Kemalismus in der Türkei, der mit der Modernisierung auch eine Verurteilung der zu überwinden geglaubten Homosexualität mit sich brachte, gehört mit zu den interessantesten neue Betrachtungen erschließenden Teilen des Buches.

Auch wenn nicht alle Thesen des Buches überzeugen, Liebesgedichte sind bspw. nur bedingt als Nachweis tauglich und die Foucault-Anhängerschaft und damit verbundene Defizite der Analyse (Stichworte „Postmoderne“, „Postkolonialismus“) leider unverkennbar sind, ist das Buch unumwunden lesenswert und gibt wichtige Anstöße für die Diskussion. Der Autor, der zur Zeit auch einige Lesereisen absolviert, kann mit gut Glück persönlich in Augenschein genommen werden.
Georg Klauda Die Vertreibung aus dem Serail – Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt
Verlag: Männerschwarm, 2008
ISBN 3-931402-46-0
16 €
Das historische Buch
Bei der Suche nach passender Lektüre wurde auf ein weitgehend unversehrtes Buchexemplar gestoßen und unschöne Erinnerungen kamen hoch
. Dereinst wurde das im Übrigen fabelhafte Werk, zum Lesen weitergereicht und sogleich einmal ordentlich umgeknickt, um es angeblich besser lesen zu können; sprachlos und unter entsetzten Blicken verfolgend wurde der Person so langsam der Frevel beim Aufschauen bewusst und eilfertige Verklärungen der Notwendigkeit waren die Folge wie leider auch das anschließende Zerfleddern des Exemplars (früher waren Taschenbücher besser verklebt), kurz und gut – ein neues Buch lag irgendwann zufrieden auf dem Tisch
und nun ist die Gelegenheit günstig es vorzustellen.

Schließlich ist der Autor einer der ganz großen deutschen Literaten: Lion Feuchtwanger, seine historischen Romane gehören zweifelsohne zu dem Besten, was auf diesem Felde hervorgebracht wurde, nie langweilig, immer einen spannenden Stil pflegend, schafft er es, dass sich die LeserInnen in die ProtagonistInnen so richtig hinein versetzen können (einzig in seinem letzten Werk gelingt ihm dies nicht richtig). Gerade weil es keine leichte Lektüre ist, war den Büchern ein immenser Erfolg beschieden, Feuchtwanger in der Weimarer Republik zu verlegen hieß meistens Geld zu drucken
Der aus einer jüdischen Familie stammende Autor avancierte schnell zum Hassobjekt der Nazis, die er nicht zuletzt in seinem Werk Erfolg, um das es sich hier bei der Vorstellung handelt, so schön vorführt, dass er ganz nach oben auf der Verfolgungsliste rückte.
Schon Jahre bevor Hindenburg Hitler an die Macht brachte zeigte Feuchtwanger die Gefahren auf; glücklicherweise befand er sich im Januar 1933 auf Lesereise in den USA, sein Vermögen wurde beschlagnahmt und seine Bücher Opfer der Bücherverbrennungen.
Sein Exil in Frankreich und später in den USA blieb dauerhaft --erarbeitet auch in den weiteren Bänden der Trilogie Die Geschwister Oppermann (es existieren unterschiedliche Schreibvarianten) und Exil.
Nach der Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft war die Zeit nicht günstig für ihn. Im Westdeutschland wurde er geschnitten, in den USA von McCarthys Schergen bedrängt; seine Bücher beim Aufbau-Verlag verlegt, feierten nur im Osten weiter Erfolge (einige kleine politisch nicht genehme Beschreibungen, die dort erfolgten, sind inzwischen durch Verlegung der Urfassung beseitigt).
Das hatte auch seinen Grund im Werk Erfolg, die in den Anfängen der 20er Jahre spielende Handlung legt nicht nur die Machtgelüste der Nazis und der sie stützenden Großindustrie offen, sondern bringt ein beispielhaftes Sittenbild bayrischer Verhältnisse, die wie in all seinen Werken die Auseinandersetzung mit Moral, Religion und gesellschaftlicher Normen zum Thema hat.

Die Geschichte, an der Feuchtwanger mehrere Jahre arbeitete, ist damals kein „richtiger“ historischer Roman gewesen wie etwa sein bekanntes Werk Jud Süß, welches etwa im Jüdischen Museum in Berlin übrigens von minder kompetenten AusstellungsmacherInnen als antisemitisches Buch ausgestellt wird (es wurde offensichtlich nie gelesen, der gleichnamige Hetzfilm Veit Harlans scheint auszureichen für die Einordnung, vermutlich stößt aber die Religionskritik Feuchtwangers auf wenig Gegenliebe), sondern ein zeitgenössischer. Gleichwohl verbleibt seine Methodik mittels historischer Darstellung zu spannenden Romanen zu gelangen.
Der Klappentext beschreibt die Rezensionen der damaligen Zeit, „Ein Buch des Hasses“ und die späterer Jahrzehnte, „Dokument der inneren Wahrheit, wie es aufwühlender, erschreckender und packender, heiterer und niederschmetternder kaum gedacht werden kann“.
Und da sich sicher so langsam die Ungeduld breit macht bezüglich des Inhaltes, sei dieser auch noch kurz mitgeteilt:
In Bayern werden die politischen Rollen neu verteilt, die Nazis halten ihre Versammlungen ab und in München wird dem Leiter der staatlichen Gemäldesammlung Krüger der Prozess gemacht, ein Meineid scheint der Anklage zu Grunde zu liegen. Es geht scheinbar um die Beziehung zu einer Frau, stattdessen spielt die Frage der Freiheit der Kunst und politische Gerechtigkeit die Hauptrolle. Ein Sittengemälde (nicht nur) bayrischer Verhältnisse und die diese tragenden Akteure. Wie gesagt, spannend zu lesen der Klassiker ![]()
Lion Feuchtwanger, Erfolg
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002
ISBN 3746656060
12,50 €
Sommerkrimi
Da zum Genuss von Literatur zwangsläufig auch immer Verlage gehören und diese – insofern nicht triviale Massenwerke aus dem Zaubersegment im Angebot stehen – den eingereichten Manuskripten der AutorInnen meist mit dem Gestus des Ablehnenden gegenüberstehen, war es schon lange mal an der Zeit sich ein wenig zu rächen.
Der Autor Wolfgang Bittner gehört mit über einer Million verkaufter Bücher zu den Erfolgreicheren seines Standes, hat mit den bekannten Rechtssprüche (neu erschienen bei Ossietzky) und dem Jugendroman Der Aufsteiger schon in den 70er Jahren nach seinem Ausstieg aus dem juristischen Milieu sich längst neben zahlreichen Zeitschriftenartikeln vor allem als Jugendbuchautor einen Namen gemacht. Kann es sich also leisten ein wenig den Habitus an zu kratzen ![]()

Ein Kriminalroman, das richtige für eine Sommerempfehlungsliste, ist Marmelsteins Verwandlung von W. Bittner, versehen mit bissigen Anspielungen und einer gehörigen Portion Reiselust, die von Zürich nach Kanada führt. Mit im Gepäck des Cheflektors eines großen Verlages die selbst genehmigte „Abfindung“, die nach diversen Querelen und intrigenhaft sich präsentierender Arbeitsgewohnheiten des Verlegers Morkamp v.a. zum Nachteil seiner AutorInnen, wohl verdient ist.
Der wiederum kann sich nicht so richtig durchringen die Veruntreuung anzugehen, da seine Vorarbeit auch nicht den Ruch des Legalen genießt. Nun, es wird alles anders als gedacht, mehr wird nicht verraten, denn der Roman ist auch eine kleine Liebesgeschichte, und sowieso nimmt alles eine andere Wendung und bei der Suche was hinter den fein gesetzten Anspielungen real sein könnte wird auf Gerüchte zurückgegriffen werden müssen. Pflicht für die Angehörigen des Standes, Kür als spannende mal etwas andere Sommerlektüre für den Liegestuhl.
Wolfgang Bittner Marmelsteins Verwandlung
Verlag: Klöpfer und Meyer, 1999
ISBN-10: 3-931402-46-0
Die Tagebuchsektion II

Der letzte Tipp schließlich ist sowohl einem Buch, als auch einem Film gewidmet.
Persepolis von Marjane Satrapi. Nach der gleichnamigen antiken persischen Stadt benannt greift die Autorin, die es leid war, ihr Herkunftsland immer im Zerrspiegel westlicher Vorurteile von MitteleuropäerInnen präsentiert zu bekommen, die wieder hochaktuelle Frage auf, wie die Lebenssituation der Menschen im Iran zustande kam, zeigt anhand ihrer Erfahrungen im ersten Band Eine Kindheit im Iran und im zweiten Band Jugendjahre ihre Lebensgeschichte, aufgezeichnet vom Sturz des Schah-Regime bis zur Verfolgung der fortschrittlichen Kräfte, es enthält die Erfahrungen und Wünsche, zeigt die Veränderungen im erzwungenen Asyl in Österreich, die Entfremdung und doch die Nähe zu sich selbst.

Satrapi — eine Kindheit im Iran
Auf gelungen Weise lässt Satrapi, die eigentlich Illustratorin ist, das Mittel des Comic zur Erzählung ihrer Geschichte zu, sie erhält damit auch Zugang zu einer Darstellungsweise, die auch für Nicht-ganz-so-begeisterte-Comic-LerserInnen interessant ist.
Der kleine schweizerische Comic-Verlag Edition Moderne, der auch die Zeitschrift Strapazin herausgibt, hatte das Wagnis auf sich genommen in den weitgehend comicabstinenten deutschsprachigen Ländern das Buch in einer gebundenen Ausgabe herauszubringen. Ein Wagnis, welches mit der schönen Verfilmung (die im Gegensatz zu dem meisten anderen des Genre) eine perfekte Umsetzung des Buches ist, zu einem großen Erfolg wurde. Eine phantastische nur empfehlenswerte Erzählung – Buch und Film zusammen.
Trailer für den Film von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud
Marjane Satrapi Persepolis, Band 1 Eine Kindheit im Iran Band 2 Jugendjahre
Verlag: Edition Moderne
dt. Übersetzung: Stephan Pörtner
Band 1: »Eine Kindheit im Iran«, 2004
ISBN 3-907055-74-8
22 €
Taschenbuchausgabe für 9,95 €
Band 2: »Jugendjahre«, 2005
ISBN 3-907055-82-9
26 €
