Minna Faßhauer – die erste Ministerin Deutschlands wurde heute vor 135 Jahren geboren

Vor 135 Jahren in Bleckendorf am 10. Oktober geboren ist Minna Faßhauer, die für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) die erste Ministerin Deutschlands und eine in Braunschweig aktive antifaschistische Widerstandskämpferin war, heute kaum bekannt.

minna fasshauer
Minna Faßhauer 1875 – 1949

Minna Nikolai (den Namen Faßhauer nahm sie durch Heirat im April 1899 an) wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, ihr Vater stirbt früh, sie ist gezwungen von klein auf als Dienstmädchen, Waschfrau und Arbeiterin in einer Konservenfabrik arbeiten zu gehen und die Familie mit zu unterstützen. Das Schreiben und Lesen kann sie sich erst als Erwachsene mühsam aneignen.

Hermann Wallbaum, ein KPD-Mitglied und Teilnehmer der Novemberrevolution in Braunschweig erinnert sich:

Die wurde von der bürgerlichen Presse hingestellt als dummes Weib: kann nicht lesen und schreiben, so etwa; beherrscht die deutsche Sprache nicht […] Jedenfalls war die ´ne ehrliche und aktive Frau, die für die Bewegung alles hergab. Sie war eine Waschfrau und ging von Haus zu Haus und wusch den Leuten die Wäsche. Eine richtiggehende Arbeiterin in den untersten Reihen … ich weiß bloß, dass sie sich aus dem niedrigsten Milieu raufarbeitete durch Lesen und so weiter. Verschiedene Schnitzer, die da beim Schreiben vorkamen, die hat die Bourgeoisie ausgeschlachtet.

Während der Jahrhundertwende ist sie in mehreren illegalen Zirkeln für die Gleichberechtigung der Frauen aktiv:

Wir Frauen durften damals noch nicht am öffentlichen politischen Leben teilnehmen. Wir kamen dennoch heimlich zusammen. Der von uns Frauen geführte Kampf, voll unterstützt durch die Männer, führte 1908 zum Siege und damit zu unserer Gleichberechtigung im Versammlungsleben. Von da ab stand ich ständig in den Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft, habe auch meine Söhne in diesem Sinne erzogen (M.Faßhauer)

In die SPD tritt Minna Faßhauer 1912 ein, ist Delegierte bei den Frauentagen der Partei, ist in Kontakt mit Clara Zetkin und Rosa Luxemburg. Ein Jahr später eröffnet sie eine Kampfkundgebung der Frauen am 8. März zum Internationalen Frauentag. Die Kriegspolitik des rechten SPD-Flügels lehnt sie ab, tritt 1916 dem Spartakusbund bei und ist seit 1917 in der USPD aktiv.

Sie führt die Novemberrevolution in Wolfenbüttel an, spricht auf Volksversammlungen und ist an der Schaffung der Räterepublik beteiligt.

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Abgeordnete des Arbeiter- und Soldatenrates

Am 10. November wird sie im Rat der Volksbeauftragten zur „Volkskommissarin für Volksbildung“ im Land Braunschweig ernannt und ist damit die erste Ministerin in Deutschland. Bereits am 21. November schafft sie die kirchliche Schulaufsicht ab und nahm damit den Dorfpfaffen das Recht die Schullehrpläne nach ihrem reaktionären Gutdünken zu gestalten, die Religionsmündigkeit (das Recht aus der Kirche auszutreten) wurde auf 14 Jahre herabgesetzt. Diese zumindest offizielle Befreiung der SchülerInnen vom Joch der Kirche wurde von heftigen Attacken und Beschimpfungen des Bürgertums und der Kirchen gegen sie begleitet. In der Berliner Presse wird insbesondere mit Karikaturen, die sich über ihre Herkunft aus der ArbeiterInnenklasse lustig machen, gehetzt.
Unermütlich setzt sie sich für die Schaffung von Volkskindergärten und einheitlichen weltlichen Volksschulen ein.

Als die Räteregierung am 22. Februar 1919 durch eine Koalition aus SPD und USPD abgelöst wird, weigert sich Minna Faßhauer der Verlagerung der Macht der Arbeiterräte auf mehrere Gremien zuzustimmen, sie verzichtet infolgedessen auf ihre Funktion. Als Abgeordnete der USPD sitzt sie von Dezember 1918 bis Mai 1919 im Braunschweiger Landtag während in Berlin der Sozialdemokrat Noske den Befehl zur Zerschlagung der Räte in Braunschweig erteilt, ist im Bezirksvorstand der Partei und kandidiert erfolglos für den Reichstag.

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Kandidatur mit Kennzeichnung als „Ehefrau“

Später ist sie in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) tätig, wendet sich aber alsbald der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschland (KAPD) zu. 1935 wird sie von der Gestapo verhaftet, Faßhauer und den anderen führenden Mitgliedern sollte wegen ihrer Tätigkeit während der Novemberrevolution der Prozess gemacht werden, den der SS-Führer Klagges, der auch Chef der Braunschweiger Landespolizei war, extra nach Braunschweig geholt hatte.
Nach der Befreiung vom Faschismus erfolgt der Wiedereintritt in die KPD, dort wird sie wieder für Frauenrechte aktiv und kandidiert erfolglos für das Stadtparlament.

Minna Faßhauer stirbt im Alter von 73 Jahren am 28. Juli 1949 und wird am 30. Juli 1949 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Braunschweig beigesetzt.

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Zum Leben von Minna Faßhauer ist eine Broschüre der DKP Braunschweig mit weitergehenden Informationen auch über die NS-Haft und ihre Tätigkeit erschienen: Waschfrau, Kommunistin, Ministerin – Minna Faßhauer 3 €


5 Antworten auf “Minna Faßhauer – die erste Ministerin Deutschlands wurde heute vor 135 Jahren geboren”


  1. Gravatar Icon 1 Bolliskitchen 11. Oktober 2010 um 7:17 Uhr

    Bloggen bildet, wusste ich nicht!

  2. Gravatar Icon 2 Wolf 11. Oktober 2010 um 13:12 Uhr

    Die SPD verrät die linke Sache, sehr schön nachzulesen bei S. Haffner (sonst teile ich seine Thesen nicht) und offensichtlich kein Einzelfall…

  3. Gravatar Icon 3 Kormoranflug 11. Oktober 2010 um 19:03 Uhr

    Ein guter Grund die Tochter „Minna“ zu nennen.

  4. Gravatar Icon 4 Erich 12. Oktober 2010 um 10:48 Uhr

    Obwohl ich oft kein Verständnis für die Anliegen der Linken habe, wenn sie die Realität ignorieren und die Vernuft nicht haben, bin ich froh, dass es Leute wie diese Minna gab und gibt. Interessanter Bericht, Anlass zum Nachdenken.

  5. Gravatar Icon 5 kulinariakatastrophalia 13. Oktober 2010 um 16:01 Uhr

    @Bolli
    Vorm Lesen der Broschüre war das auch noch nicht bekannt, totgeschwiegen, neben der DKP, der Stadt Braunschweig, ein paar SPD-Landtagsabgeordneten aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein und der Linkspartei im Landtag finden sich kaum Hinweise im Internet (der wikipedia-Eintrag enthält teilweise falsche Informationen); in Braunschweig gibt es dann aber auch einen Mädchentreff mit dem Namen.

    @Wolf
    Die erstaunliche Wandlung des eher konservativ ausgerichteten Haffners hin zu einem kritischen „Erforscher“ der deutschen Geschichte ist es, was seine fundierten Bücher auf jeden Fall interessant machen, auch wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse heute teilweise andere Erkenntnisse zum Tragen bringen, so bleiben seine Arbeiten doch unverzichtbar für eine Bewertung der geschichtlichen Entwicklung.

    @Kormoranflug
    Diese alten Namen sind schwer in Mode, irgendwie gruselt es aber auch, die ständig von ihren Kindern hinterherrufenden Eltern hören zu müssen :o

    @Erich
    Ist erst die Welt der Vorstellungen revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand ;-)

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