Archiv für Oktober 2010

Ohrenschmaus gibts hier auch — wenngleich die Geschmäcker unterschiedlich zu sein belieben

Die Genussmousse-Crew hat neulich eine neue Sucht teilen müssen; Grund genug eine alte Sucht zu präsentieren — zumal hier erst nächste Woche wieder etwas Handfesteres in Abbildung zu sehen sein wird und die Gelegenheit mithin günstig ist für die Befüllung des Blogs ;-)


Voilà: la fraction

Ab und an sich anbietende Wiederaufnahme auf Grund sich überaus überraschend einstellender Vorfreude auf eine Verbindung frischer Tomaten mit an für sich alkoholischer Variante, die verflüchtigend das Süße zu optimieren wusste, um wieder einmal mitsamt Kräutern ein Lächeln der Zufriedenheit auf die überaus überzeugten Gesichter zu bringen, die schon allzu lang auf derart überraschende Kost verzichten mussten (inkl. Klecks)

Zwar waren es nicht mehr die furchtbar gut mundenden Tomaten, die sich der Reifung unterzogen hatten, aber auch diese wiesen noch Geschmacksnuancen auf, die sich mal wieder als praktikabel für ein Tomaten-Martini-Thymian-Huhn erwiesen, welches schon vor einigen Wochen auf dem Speiseplan (Rezept im Blog) stand und dennoch nicht gefertigt wurde, und so geeignet waren es sich gut schmecken zu lassen.

martinihuhnmalwieder
Thymian, frisch und trocken hinzugefügt ist angemessen (Kleckse im Übrigen auch ;-) )

Ach ja — was ist eigentlich ein Agent provocateur [pdf]

Durch den Gebrauch längerer Kochzeit eigneten sich die zu verschmurgelnden Zutaten eine stellenweise auftretende aromatische Dunkelheit an, die ungezwungen zu ekstatischer Aufschleckerei auch des letzten Restes führte

kaninchenschlegel mit salbei und tomatenreiferei
Kaninchen, Tomaten, Röstaroma und Salbei — kann es Schöneres geben?

Ein mittelriesiger nunmehr endgültig dezimierter holperig daniederliegender hügeliger Berg unreifer Tomaten beherbergt von einem entsprechenden Korbe war vor etlichen Wochen in die Küche eingezogen, wurde nach Reifung erst abgetragen und dann irgendwie immer wieder übersehen.

Zeit also, sich an die Fertigung delikat zu erschmeckender rezeptlicher Aufmerksamkeit zu wagen und mal wieder Kaninchen in Tomaten-Salbei-Sauce zu wagen. Die Tomaten trotz Schwächen in der Prallheit unglaublich süß und lecker und optimal geeignet. Zubereitung bedarf Zeit und am Herde stehen muss nicht unbedingt sein, so geht es:

Kaninchen in einer Schmorpfanne anbraten in einem Schwubs Olivenöl; salzen, pfeffern, mit Restwein ablöschen, hübsch verkochen lassen, kleingehackte weiße und rote Zwiebeln bratend hinzu, Tomaten, halbierte, ebenso, etwas frischer Salbei und etwas getrockneter Rigani, ein Hauch Thymian und noch etwas Wein, Glasdeckel drauf, hochstellen und bei Herunterfluss des Niederschlags auf ganz klein stellen und warten, warten, warten, zwischendurch mal Salz, Pfeffer, Salbei noch hinzu und alles natürlich auch mal umdrehen (ev. etwas Wasser oder Wein nachgießen). Dauert ungefähr 80-90 Minuten.

tomatenschmurgel
Die Kerne werden nicht entfernt!

Zutaten:
Kaninchen
Tomaten,
Olivenöl,
Salbei, frisch
Rigani, Thymian, Pfeffer, Salz
Restwein

Duftet wunderbar, wenn vergessen wird, dass die Speisung auf dem Herde steht, macht sich zudem noch ein nicht unlecker zu erschmeckender Geruch nach Röstzwiebeln bemerkbar ;-) Harmonierte aber gerade deswegen wunderbar; gegessen, getunkt und geschwelgt mit Weißbrot. Sehr lecker!

Und außerdem? Fresspaketaustausch demnächst?!

Der Handhabbarkeit geschuldeter Flammkuchen erwies sich den Bedürfnissen mehr als gerecht — das lag aber auch an fulminanten Zwiebelvorräten, immerhin aus drei Sorten bestehend, und ebenfalls dreifach strukturiert sich gebender Schinken mit Speck, kleingeschnippelt (vorgesehene Birne ward vergessen)

Der Arbeitsüberlastung und anderweitigen Aufenthalt war das Mahl geschuldet, einfach zu bewerkstelligen in zeitlicher Hinsicht und unter aufopferungsvoller Hingabe der vorrätigen Nahrungsmittel, die geduldig wochenlang auf die Fertigung harrten.

Ganz klar, alles war da, um sich auch mal an einen Flammkuchen zu wagen; bei Sammelhamster war doch neulich einer, natürlich kein Rezept dabei (muss sich erst laaaang durchgeklickt werden ;-) ), Hah! Hefe! Hefe war nicht da, also Suchen in den Weiten des Internet. Die Mestolo.Version sieht sehr lecker aus, hat aber ebenfalls besagte Zutat, das Rezept bei Küchenzaubereien kommt auch nicht ohne aus, ebenso Bolli oder missboulette.

Flammkuchen zu tisch
Flammkuchen und Federweißer

Schließlich bei Kk =Kegala kocht fündig geworden — dabei weiß doch jedeR, dass kk kulinaria katastrophalia heißt ;-)

Prima, Mehl, Salz, Wasser, Olivenöl, genau so wurde sich das vorgestellt — sollte das traute sich langsam aufzuwärmen zu beliebende Heim nicht mehr verlassen werden :D

Rezeptlich war zwar noch Dinkelmehl vorgesehen, aber da wollten wir nicht so kleinlich sein, stattdessen wurde das Wasser durch hübsch sprudelndes Mineralwasser ersetzt (soll auch locker machen).

Ging dann auch ganz einfach, Mehl mit Wasserzugabe, so nach und nach, versetzt und in 5 Minuten geknetet, zwischendurch Olivenöl und Salz mit ran; wenn der Teig nicht mehr klebt und nicht zu wässrig ist, ab für 30 Minuten in den Kühlschrank und derweil Zwiebeln, rot, weiß, Gemüse, geschält und kleingeschnitten, ebenso die drei Schinkenspeckreste.

Flammkuchen
Erste sich rechlich bedeckt gebende Fuhre

Für den Belag Crème fraîche mit Pfeffer, Salz, Thymian und etwas Sahne verrührt und auf den ausgewalzten dünnen Teigfladen aufgebracht, Zwiebeln und Schinken kurz angebraten und ebenfalls mit hinzu, ein Klacks noch oben drauf stellenweise und ab in den vorgeheizten Ofen für 20-25 Minuten (Stufe 3-4 Gas).

Die erste Fuhre mit verquatschten 30 Minuten erwies sich als ein paar Minuten zu lang, die zweite genauer beobachtete Ofenware war genau richtig, weich mit beginnender Härte, der Belag noch nicht vollends verkohlt ;-) schmeckte gut, Belegung etwas zu reichhaltig und war aber irgendwie auch noch als verbesserungswürdig erachtet worden. Zwiebeln vielleicht beim nächsten Mal nicht anbraten? Irgendwelche gewürzlichen Beigaben eventuell noch (eine kleine rosmarinbelegte Ecke passte gar nicht) oder doch ein wenig Dinkelmehl zum Teig für etwas kräftigeren Geschmack?

Wird in Bälde ausprobiert, der obligatorische Federweißer muss ja irgendwie weg :-) und da die Sichtung der verpassten Foodblogs mindestens zwei Tage in Anspruch nehmen dürfte, ist die Versorgung derweil gesichert ;-)

Minna Faßhauer – die erste Ministerin Deutschlands wurde heute vor 135 Jahren geboren

Vor 135 Jahren in Bleckendorf am 10. Oktober geboren ist Minna Faßhauer, die für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) die erste Ministerin Deutschlands und eine in Braunschweig aktive antifaschistische Widerstandskämpferin war, heute kaum bekannt.

minna fasshauer
Minna Faßhauer 1875 – 1949

Minna Nikolai (den Namen Faßhauer nahm sie durch Heirat im April 1899 an) wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, ihr Vater stirbt früh, sie ist gezwungen von klein auf als Dienstmädchen, Waschfrau und Arbeiterin in einer Konservenfabrik arbeiten zu gehen und die Familie mit zu unterstützen. Das Schreiben und Lesen kann sie sich erst als Erwachsene mühsam aneignen.

Hermann Wallbaum, ein KPD-Mitglied und Teilnehmer der Novemberrevolution in Braunschweig erinnert sich:

Die wurde von der bürgerlichen Presse hingestellt als dummes Weib: kann nicht lesen und schreiben, so etwa; beherrscht die deutsche Sprache nicht […] Jedenfalls war die ´ne ehrliche und aktive Frau, die für die Bewegung alles hergab. Sie war eine Waschfrau und ging von Haus zu Haus und wusch den Leuten die Wäsche. Eine richtiggehende Arbeiterin in den untersten Reihen … ich weiß bloß, dass sie sich aus dem niedrigsten Milieu raufarbeitete durch Lesen und so weiter. Verschiedene Schnitzer, die da beim Schreiben vorkamen, die hat die Bourgeoisie ausgeschlachtet.

Während der Jahrhundertwende ist sie in mehreren illegalen Zirkeln für die Gleichberechtigung der Frauen aktiv:

Wir Frauen durften damals noch nicht am öffentlichen politischen Leben teilnehmen. Wir kamen dennoch heimlich zusammen. Der von uns Frauen geführte Kampf, voll unterstützt durch die Männer, führte 1908 zum Siege und damit zu unserer Gleichberechtigung im Versammlungsleben. Von da ab stand ich ständig in den Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft, habe auch meine Söhne in diesem Sinne erzogen (M.Faßhauer)

In die SPD tritt Minna Faßhauer 1912 ein, ist Delegierte bei den Frauentagen der Partei, ist in Kontakt mit Clara Zetkin und Rosa Luxemburg. Ein Jahr später eröffnet sie eine Kampfkundgebung der Frauen am 8. März zum Internationalen Frauentag. Die Kriegspolitik des rechten SPD-Flügels lehnt sie ab, tritt 1916 dem Spartakusbund bei und ist seit 1917 in der USPD aktiv.

Sie führt die Novemberrevolution in Wolfenbüttel an, spricht auf Volksversammlungen und ist an der Schaffung der Räterepublik beteiligt.

arbeiter soldaten rat braunschweig
Abgeordnete des Arbeiter- und Soldatenrates

Am 10. November wird sie im Rat der Volksbeauftragten zur „Volkskommissarin für Volksbildung“ im Land Braunschweig ernannt und ist damit die erste Ministerin in Deutschland. Bereits am 21. November schafft sie die kirchliche Schulaufsicht ab und nahm damit den Dorfpfaffen das Recht die Schullehrpläne nach ihrem reaktionären Gutdünken zu gestalten, die Religionsmündigkeit (das Recht aus der Kirche auszutreten) wurde auf 14 Jahre herabgesetzt. Diese zumindest offizielle Befreiung der SchülerInnen vom Joch der Kirche wurde von heftigen Attacken und Beschimpfungen des Bürgertums und der Kirchen gegen sie begleitet. In der Berliner Presse wird insbesondere mit Karikaturen, die sich über ihre Herkunft aus der ArbeiterInnenklasse lustig machen, gehetzt.
Unermütlich setzt sie sich für die Schaffung von Volkskindergärten und einheitlichen weltlichen Volksschulen ein.

Als die Räteregierung am 22. Februar 1919 durch eine Koalition aus SPD und USPD abgelöst wird, weigert sich Minna Faßhauer der Verlagerung der Macht der Arbeiterräte auf mehrere Gremien zuzustimmen, sie verzichtet infolgedessen auf ihre Funktion. Als Abgeordnete der USPD sitzt sie von Dezember 1918 bis Mai 1919 im Braunschweiger Landtag während in Berlin der Sozialdemokrat Noske den Befehl zur Zerschlagung der Räte in Braunschweig erteilt, ist im Bezirksvorstand der Partei und kandidiert erfolglos für den Reichstag.

faßhauer kpd
Kandidatur mit Kennzeichnung als „Ehefrau“

Später ist sie in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) tätig, wendet sich aber alsbald der Kommunistischen Arbeiterpartei Deutschland (KAPD) zu. 1935 wird sie von der Gestapo verhaftet, Faßhauer und den anderen führenden Mitgliedern sollte wegen ihrer Tätigkeit während der Novemberrevolution der Prozess gemacht werden, den der SS-Führer Klagges, der auch Chef der Braunschweiger Landespolizei war, extra nach Braunschweig geholt hatte.
Nach der Befreiung vom Faschismus erfolgt der Wiedereintritt in die KPD, dort wird sie wieder für Frauenrechte aktiv und kandidiert erfolglos für das Stadtparlament.

Minna Faßhauer stirbt im Alter von 73 Jahren am 28. Juli 1949 und wird am 30. Juli 1949 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Braunschweig beigesetzt.

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Zum Leben von Minna Faßhauer ist eine Broschüre der DKP Braunschweig mit weitergehenden Informationen auch über die NS-Haft und ihre Tätigkeit erschienen: Waschfrau, Kommunistin, Ministerin – Minna Faßhauer 3 €